Reizdarm – was ist das eigentlich?

Das Reizdarmsyndrom – oder kurz: Reizdarm – ist definiert als eine Funktionsstörung des Darms ohne eine Zuordnung einer körperlichen Ursache. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer leiden unter den wiederkehrenden Darmbeschwerden. Trotz ärztlicher Untersuchung findet sich keine zugrundeliegende organische Ursache dafür, weshalb der Reizdarm bis vor kurzem als psychisch bedingt angesehen wurde. Für Betroffene bedeutete dies oft einen langen Leidensweg ohne befriedigendes Ergebnis. Heute weiß man, dass eine Vielzahl von Faktoren die Entstehung des Reizdarmsyndroms begünstigen kann. Man kann drei verschiedene Typen des Reizdarmsyndroms unterscheiden – je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen:

  1. Reizdarmsyndrom mit ausgeprägter Verstopfung
  2. Reizdarmsyndrom mit ausgeprägtem Durchfall
  3. Reizdarmsyndrom mit ausgeprägten Bauchschmerzen.

Auf ein Reizdarmsyndrom können Krankheitszeichen wie Bauchschmerzen, Diarrhoe (Durchfall), Verstopfung oder Meteorismus (Blähbauch) und Blähungen hindeuten. Vom ärztlichen Standpunkt handelt es sich jedoch um eine Ausschlussdiagnose – das bedeutet, dass der Arzt zunächst alle anderen infrage kommenden Ursachen für die Beschwerden ausschließen muss. Das könnte beispielsweise eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung sein, ein Magen-Darm-Infekt, ein Tumor oder Magengeschwür, eine Unverträglichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel oder auch das sogenannte Leaky-Gut-Syndrom. Auch wenn die Symptome ähnlich wie beim Reizdarmsyndrom sein können – für jede der genannten Erkrankungen gibt es im Gegensatz dazu einen Auslöser und einen Nachweis. Welche Faktoren an der Entstehung des Reizdarms beteiligt sein können, welche Auswirkungen es hat und was man dagegen tun kann – darüber lesen Sie mehr auf dieser Seite!

Circa 12 Millionen Deutsche sind vom Reizdarmsyndrom betroffen – davon mehr Frauen als Männer.

Welche Ursachen hat der Reizdarm?

Wie bereits in der Definition des Reizdarmsyndroms deutlich wird, gibt es nicht die eine Ursache, die für seine Entstehung verantwortlich ist. Vielmehr scheinen von Patient zu Patient unterschiedliche Faktoren eine unterschiedlich große Rolle zu spielen. Viele Reizdarmpatienten besitzen offenbar einen sehr empfindlichen Darm: Der Darm ist von einem sehr komplexen Nervensystem mit rund 100 Millionen Nervenzellen umgeben – manchmal auch als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Dieses reguliert unter anderem eigenständig die Darmbewegungen. Bei Reizdarmpatienten wird manchmal beobachtet, dass diese sogenannte Peristaltik gestört ist und der Darm besonders schmerzhaft auf Gase reagiert, die den Darm aufblähen. Bei wieder anderen sind möglicherweise Infektionen für die Entstehung verantwortlich.

Aufgrund der Verflechtungen von Kopf- und Bauchhirn liegt es außerdem nahe, dass psychischer Stress die Beschwerden auslösen bzw. verstärken kann. Dies ist nicht gleichbedeutend mit einer psychischen Erkrankung und auch kein Anzeichen dafür, dass sich Betroffene die Beschwerden nur einbilden. Es gibt weiterhin keinen Beleg dafür, dass einseitige Ernährung oder Genussgifte den Reizdarm auslösen können – jedoch ist es durchaus möglich, über die Ernährung Einfluss auf die Symptome zu nehmen und gegebenenfalls auf diesem Wege zu lindern. Das deutet darauf hin, dass es auch eine Verbindung zwischen dem Reizdarmsyndrom und der Qualität der Darmflora gibt: Molekularbiologische Untersuchungen zeigten, dass bei Reizdarmpatienten die Zusammensetzung der Mikrobiota von derjenigen gesunder Menschen abweicht. Und auch bei der Behandlung haben sich Probiotika als hilfreich erwiesen. Doch ob die Verschiebung des Gleichgewichts innerhalb der Darmflora das Reizdarmsyndrom hervorruft oder eine Folge davon ist, konnte noch nicht abschließend geklärt werden.

Reizdarm – Probiotika als Therapieoption in der Leitlinie

Der Einsatz von Probiotika kann die gestörte Darmflora positiv beeinflussen. Diese Erkenntnis und die zunehmende wissenschaftliche Nachweislage haben dazu geführt, dass Probiotika als evidenzbasierte Therapieoption in die Leitlinie zur Behandlung des Reizdarmsyndroms mit aufgenommen wurden.

Probiotika als Therapieoption in der Leitlinie.
Ist Reizdarm heilbar?
Die gute Nachricht zuerst: Ein Reizdarm ist weder gefährlich noch gar lebensbedrohlich. Betroffene können die Symptome mithilfe einer Reihe von Maßnahmen in den Griff bekommen und somit ihre Lebensqualität wieder zurückgewinnen. Diese Erkenntnis hilft vielen Patienten bereits, gelassener mit ihrer Diagnose umzugehen. Da eine konkrete Ursache jedoch nicht bekannt ist, kann das Reizdarmsyndrom auch nicht ursächlich behandelt werden – eine ursächliche Therapie und damit eine Heilung sind dementsprechend nicht möglich.

Bei den therapeutischen Maßnahmen steht jeweils die Ansprache der jeweiligen Symptome im Vordergrund. Man kann versuchen, den Reizdarm auf medikamentösem Weg, über eine Ernährungsumstellung und durch unterstützende (psychotherapeutische) Maßnahmen zu lindern.

Ernährungsumstellung:

Wenn Sie planen, Ihre Ernährung umzustellen, ziehen Sie am besten einen Ernährungsberater hinzu. So stellen Sie sicher, dass Ihnen durch den Wegfall einzelner Nahrungsmittelgruppen nicht auch gleichzeitig wichtige Nährstoffe verloren gehen. Ein Ernährungstagebuch kann dabei helfen, herauszufinden, welche Lebensmittel die Beschwerden verstärken und welche eher für Sie geeignet sind.

  • Mehrere kleinere Mahlzeiten sind verträglicher als wenige und dafür üppigere.
  • Lassen Sie sich ausreichend Zeit beim Essen. Fokussieren Sie sich auf die Mahlzeit, nehmen Sie kleine Bissen zu sich und kauen Sie gründlich.
  • Verzichten Sie wenn möglich ganz auf den Genuss von Alkohol oder schränken Sie ihn zumindest stark ein.
  • Achten Sie hingegen darauf, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen: Zwei Liter Wasser oder ungesüßter Tee pro Tag sollten es mindestens sein.
  •  Überwiegen bei Ihnen die Verstopfungssymptome, können pflanzliche Ballaststoffe hilfreich sein. Reizdarmpatienten mit starken Blähungen können andererseits versuchen, die Ballaststoffmenge aus frischem Obst und Gemüse auf ca. drei Portionen täglich zu reduzieren.

Medikamente:

Chemisch definierte Arzneimittel sind häufig nicht zur langfristigen Einnahme geeignet. Fragen Sie daher Ihren Arzt um Rat, wenn Sie planen, einzelne Beschwerden medikamentös zu behandeln. Häufig gibt es auch naturheilkundliche Alternativen.

  • Schmerzmittel und krampflösende Medikamente können kurzzeitig gegen Bauchschmerzen helfen. Manchmal ist auch schon eine Wärmflasche wohltuend.
  • Laxantien dienen dazu, Verstopfungen aufzulösen. Hier gibt es mittlerweile auch Alternativen, die den Organismus nicht belasten (>> Laxatan).
  • Durchfälle lassen sich ebenfalls medikamentös behandeln.
  • Niedrig dosierte Antidepressiva können das Darmnervensystem beruhigen und auf diese Weise für Linderung der Symptome sorgen.
  • Gegen Blähungen helfen pflanzliche Mittel wie Tees aus Anis-, Fenchel- oder Kümmel-Saat.

Unterstützende Maßnahmen:

Begleitend dazu können Sie psychotherapeutische Methoden wie eine kognitive Verhaltenstherapie oder eventuell eine darmbezogene Hypnose in Betracht ziehen. Aber auch Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training oder Yoga erweisen sich manchmal als hilfreich zur Stressreduktion und helfen dabei, die innere Ruhe wiederzufinden.

Welche Rolle spielt die Darmflora?

In den letzten Jahren rückt das intestinale Mikrobiom (umgangssprachlich: unsere Darmflora) immer stärker in den Fokus der Forschung. Der Einfluss des Ökosystems in unserem Inneren ist offenbar wesentlich größer als bisher angenommen. Fest steht dabei bislang hautsächlich eines: Wenn die Darmflora aus dem Gleichgewicht gerät, leidet die Gesundheit. Viele Experten sind der Überzeugung, dass auch das Reizdarmsyndrom mit einer Dysbiose, also einer Fehlbesiedelung des Darms in Zusammenhang steht. Demnach lassen sich auch die Beschwerden über die gezielte Einnahme von Probiotika beeinflussen. Einige dieser Mikroorganismen sind in der Lage, das Wachstum schädlicher Keime zu hemmen, die Darmschleimhaut zu stärken und zu schützen, haben zum Teil entzündungslindernde Eigenschaften, verbessern das Immunsystem und die Eigenbewegungen des Darms. Für die Behandlung des Reizdarmsyndroms ist es jedoch nicht damit getan, möglichst viel Joghurt zu essen! Entscheidend ist vielmehr, die richtigen Bakterien zuzuführen. Welcher Stamm die beste Wirkung zeigt und ob die Behandlung überhaupt anschlägt – das herauszufinden erfordert einige Versuche, Durchhaltevermögen und Geduld. Ein systematisches Vorgehen mit speziellen Bakterienkulturen, über einen ausreichend langen Zeitraum hinweg und in ausreichender Dosierung ist jedoch eine vielversprechende Therapieoption.